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Die Wiederentdeckung des Jüdischen

Lange Zeit war ein jüdisches Leben in Berlin praktisch nicht vorhanden, oder es spielte sich im Verborgenen ab und weit entfernt von dem, was gerade angesagt war. Trotz restaurierter Synagoge, wieder hergerichteter jüdischer Mädchenschule, jüdischem Museum, Denkmal für die ermordeten Juden Europas und einer entsprechend großen Medienpräsenz – wer in Berlin koscher oder zumindest traditionell jüdisch essen wollte, hatte ein echtes Problem. Restaurants, die eine jüdische Küche anboten, schlossen oft nach kurzer Zeit wieder. Sei‘s, weil kaum jemand von ihrer Existenz wusste, sei‘s weil die typisch israelische Küche mit ihren strengen Speisevorschriften lange als zu kompliziert galt. Doch das ändert sich. Mit Lokalen wie dem Masel Topf, dem Feinberg‘ s oder auch dem Café Elfenbein gibt es in Berlin wieder Orte, an denen längst vergessene jüdische Gerichte wiederentdeckt und zelebriert werden können – neu interpretiert und ausgesprochen modern angerichtet.

Die jüdische Küche als neuer Food-Trend

Wie viele andere Food-Trends zuvor hat auch die Liebe zu koscherem, jüdischem Essen ihren Ursprung in Berlin. Denn hier erleben Gerichte wie Schakschuka, gefilte Fisch*, Pastrami** momentan einen regelrechten Hype. Und das sieht man auch dem Berliner Stadtbild an. Immer mehr jüdische Restaurants, Cafés und Bäckereien, die auch koschere Gerichte auf ihrer Speisekarte zu stehen haben, eröffnen in Berlin. Aber nicht nur koscher kann man in der Hauptstadt mittlerweile wunderbar essen, auch Restaurants, die sich der jüdischen Küche ohne die strenge Einhaltung der koscheren Speisegesetze verschrieben haben, gibt es in Berlin zu entdecken. Deftig ist sie ja, die jüdische Küche, herzhaft auch und bodenständig sowieso. Wir nehmen unsere Top 5 Berliner Restaurant mit jüdischer Küche einmal genauer unter die Lupe.

Masel Topf: Glück in Töpfen

Ein Blick auf die Speisekarte und schon knurrt der Magen. Wer in Berlin eine zeitgenössische jüdische Küche probieren möchte, muss einfach im Masel Topf gegessen haben. Hier gibt es beispielsweise mit Schafkäse gefüllte Falafel, Pastrami mit Süßkartoffelpommes oder gefüllte Hähnchenschenkel mit einer Mango-Apfelsauce. Die Gerichte, die im Masel Topf in der Rykestraße im Prenzlauer Berg angeboten werden, sind in erster Linie zwar nicht ausschließlich koscher, dafür aber so etwas wie eine kulinarische Weltreise. Sie sind bunt und abwechslungsreich – wie die jüdische Kultur selbst, die geprägt wurde durch die vielen Einwanderer und deren unterschiedliche Kulturen und Traditionen. Und das spiegelt sich auch in der Küche des Masel Topf wider: Hier kommt man in den Genuss verschiedener Delikatessen, von denen man lange Zeit dachte, sie seien typisch russisch, arabisch oder eben auch deutsch. Dabei kann man alles, was sich hier bestellen lässt, so auch in Israel essen.

Vielseitig! Das Masel Topf im Prenzlauer Berg. Quelle: Masel Topf / Quandoo.

Vielseitig! Das Masel Topf im Prenzlauer Berg. Quelle: Masel Topf / Quandoo.

Café Elfenbein: Frühstücken wie in Tel Aviv

Was wäre Berlin ohne Kaffee und Kuchen am Nachmittag? Nirgendwo sonst als hier kann man den ganzen Tag über so selbstverständlich in einem Café sitzen und bei Torte und einer Tasse Espresso über Gott und die Welt reden, während man vorbeischlendernde Fußgänger beobachtet. Das Café Elfenbein im Prenzlauer Berg bietet dafür die idealen Voraussetzungen, denn es liegt mitten auf der Kastanienallee – einem der vielen angesagten Hotspots der Hauptstadt. Ein Blick auf die Speisekarte des Cafés verrät, dass es sich beim Elfenbein allerdings um kein gewöhnliches Café handelt, denn hier bekommt man Gebäck und Kuchen, die von vielen noch unentdeckten jüdischen Backrezepten inspiriert sind. So wie Rogalach beispielsweise, einem typisch jüdischen Gebäck aus Blätterteig, in dem gesüßtes Kakaopulver eingerollt wird. Und noch etwas unterscheidet das Café Elfenbein von den anderen Cafés in der Kastanienallee: Hier kann man Schakschuka essen, eines der israelischen Nationalgerichte, das vor allem zum Frühstück gern und viel gegessen wird. In einer Pfanne kommen Paprika, Tomaten, Chili, Zwiebeln und jede Menge Knoblauch zusammen und werden so lange geschmort, bis eine sämige Sauce entsteht. Anschließend noch pochierte Eier dazu – und fertig. In Israel kann man Schakschuka praktisch überall essen. Und im Café Elfenbein jetzt eben auch in Berlin.

Schakschuka - schon zum Frühstück richtig lecker. Quelle: Shutterstock.

Schakschuka – ein perfektes Gewinnerfrühstück. Quelle: Shutterstock.

Milo – Für koschere Burger

Im Milo gibt es richtig koscheres Essen. Das Restaurant in der Münsterschen Straße in Wilmersdorf ist momentan das einzige in Berlin, das koschere Fleischspezialitäten anbietet. Damit sich das Milo überhaupt als koscher bezeichnen darf, müssen die strengen Reinheitsgebote für Lebensmittel, wie sie in der Tora aufgeführt sind, unbedingt eingehalten werden. Das bedeutet unter anderem: Kein Schweinefleisch, nur Fische mit Flossen und Schuppen und auch die strikte Trennung von milchigen und fleischigen Speisen. Die strikte Einhaltung dieser Vorschriften ist im Restaurant Milo durch einen Rabbiner tatsächlich zertifiziert. Aber von vorne. Das Restaurant bezeichnet seine Küche selbst als koscher-mediterran. Auf der Karte stehen Salate, Hummus mit Fladenbrot und Fleisch in allen Formen und Varianten im Mittelpunkt der Speisekarte. Und weil gerade der Burger in Berlin zum Trend-Food Nummer eins aufgestiegen ist, dürfen auch verschiedene Burger-Variationen im Milo nicht fehlen. Auch Schnitzel, Schaschlik und Fisch gibt es. Und Gerichte, die als typisch jüdisch zu bezeichnen sind? Die gehören nicht zum Konzept. Dafür kann aber jeder, der gerne koscher essen möchte, ganz ohne Bedenken im Milo zugreifen.

So ähnlich, nur noch leckerer - die Burger bei Milo. Quelle: Shutterstock.

So ähnlich, nur noch leckerer – die Burger bei Milo. Quelle: Shutterstock.

Feinberg‘s: Jüdisch-orientalische Küche

Bodenständig, deftig und zugleich sehr raffiniert – das Feinberg’s in Berlin-Schöneberg, nur wenige Gehminuten vom Wittenbergplatz entfernt, bietet auf der umfangreichen Speisekarte ausgesprochen vielseitige Gerichte, die man einmal probiert haben sollte. Die jüdisch-sephardischen Küche des Restaurants überzeugt nämlich – und zwar immer wieder aufs Neue, bei jedem Besuch! Ob verschiedene Hummus-Gerichte, israelische Salate, orientalischer Kebap oder die umwerfende Falafelplatte: Hier kann man sich durch alles schlemmen, was die jüdische Cuisine so zu bieten hat. Und das ist nicht gerade wenig. Obwohl das Feinberg’s nicht explizit koschere Speisen anbietet, hat es sich dennoch dazu verpflichtet, bestimmte jüdische Speisevorschriften einzuhalten. Dazu gehören unter anderem die unbedingte Trennung von milchigen und fleischigen Speisen, auch beim Geschirr, sowie der Verzicht auf Schalentiere oder Schweinefleisch. Auch koscherer Wein*** und koscheres Bier aus Israel sind hier erhältlich. Und wäre das alles nicht genug, überzeugt auch die tolle, offene Atmosphäre des Restaurants.

Quisine hat Yorai Feinberg auch zum Interview getroffen.

Yorai Feinberg beweist, wie vielfältig die jüdische Cuisine sein kann. Quelle: Restaurant Feinberg's.

Yorai Feinberg beweist, wie vielfältig die jüdische Cuisine sein kann. Quelle: Restaurant Feinberg’s.

Shiloh: Vegetarisch brunchen auf Israelisch

Zahlreiche kleine Galerien prägen das Stadtbild rund um die Torstraße in Berlin. Mittendrin befindet sich das Bistro Shiloh. Wer nach dem Besuch der einen oder anderen Kunstausstellung eine Pause braucht, kann hier wunderbar entspannen und mit gefüllten Weinblättern, gebratener Aubergine oder Hummus neue Kräfte tanken. Betrieben wird das Bistro von Karen Shahar, die hier alle Speisen so kocht, wie sie es von ihrer israelischen Familie gelernt hat. Das Besondere im Shiloh: Alle Spezialitäten, die hier angeboten werden, sind nicht nur koscher, sondern auch vegetarisch. Gelegentlich finden in dem stylisch eingerichteten Bistro mit den tollen Designer-Stühlen auch Ausstellungen statt. Und einmal im Monat gibt es einen Sonntagsbrunch mit koscheren, israelischen und dabei natürlich vegetarischen Köstlichkeiten.

Den Hummus im Shiloh sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Quelle: Shutterstock.

Den Hummus im Shiloh sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Quelle: Shutterstock.

* Gefilte Fisch ist ein Nationalgericht, welches oft am Shabbat oder anderen jüdischen Feiertagen gegessen wird. Basis ist Karpfen oder Hecht, der gehackt als Klößchen oder Scheiben in die Fischhaut gefüllt, in Brühe pochiert und anschließend in dem kalten und gelierten Sud kalt serviert wird.

** Pastrami ist ein speziell gewürztes und geräuchertes Stück Fleisch aus Schulter oder Brust vom Rind und wird sehr dünn geschnitten als Brotbelag gegessen. Pastrami-Sandwiches sind vor allem in den USA sehr beliebt. Das Gericht gelangte über jüdische Einwanderer in die USA, die ihre Gerichte mit nach Amerika brachten.

*** Für Anbau und Verarbeitung gelten ebenso strenge Vorschriften wie für Speisen. So darf ein Weinstock in jedem siebten Jahr beispielsweise nicht geerntet werden. Auch andere Pflanzen zwischen den Reben sind ebenso wenig erlaubt wie Dünger, der nicht organisch ist. Bei der Verarbeitung muss genau darauf geachtet werden, dass Behälter und Schläuche mindestens dreimal mit Wasser durchgespült wurden. Zusatzstoffe wie Zucker sind ebenfalls verboten.

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Judith

Judith Taudien ist ein echtes Nordlicht: mit allem was dazu gehört, inklusive einer merkwürdigen Affinität zu Fisch und Schweden. Vor etwas mehr als 10 Jahren kehrte sie ihrer norddeutschen Heimatstadt den Rücken, um in der tollsten Stadt der Welt – Berlin – zu leben. Das hat ja schon mal geklappt. Da sie schon immer „was mit Medien“ machen wollte, schreibt sie seit einigen Jahren als freie Autorin für unterschiedliche Magazine und Zeitungen. Nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften und einem Auslandssemester, natürlich in Schweden, arbeitet sie als Online-Redakteurin und ist seit Sommer 2015 bei Quandoo.

Lieblingsküche: Indisch
Lieblingsessen: Burger mit Süßkartoffelpommes
Kocht am liebsten selbst: New York Cheesecake

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